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Monatsspruch September 2021

Ihr habt viel gesät, aber wenig eingebracht; ihr esst, aber es gibt keine Sättigung; ihr trinkt, aber es gibt keinen gelöschten Durst; ihr kleidet euch, aber niemandem wird warm. Wer für Lohn arbeitet, arbeitet für einen löchrigen Beutel.
Haggai 1,6

Das klingt doch paradox! Da wird scheinbar alles für das Lebensnotwendigste getan und doch stellt sich keine Zufriedenheit ein. Der Kühlschrank ist gefüllt, Wasser zum Trinken ist ausreichend vorhanden, der Kleiderschrank ist voll, etwas Geld ist im Portemonnaie und doch fehlt etwas. Aber woran mangelt es eigentlich?

Dieser Sache geht der „kleine Prophet“ Haggai aus dem Ersten Testament auf den Grund. Er ist zwar nicht allzu bekannt und hat auch nur wenige Monate in der nachexilischen Zeit (520 vor Christus) gewirkt, aber die zwei Kapitel des Buches Haggai haben es in sich.

Zur Zeit Haggais war die Situation für das Volk Israel schwierig. Zwar war das Exil zu Ende und das ins Babylonische Exil verstreute Volk konnte nach dem Machtwechsel unter persischer Herrschaft zurückkehren, doch der Tempel war zerstört und die Menschen lebten in Armut in einem Abhängigkeitsverhältnis. Sie kämpften im Alltag mit dem Überleben und so richtig schien das trotz aller Anstrengungen nicht gut zu gelingen. Sie bringen wenig ein, sind nicht satt, erleiden Durst, sind kleiderlos und arm.

Auch Haggai zählt zu diesen Rückkehrenden und er erkennt die schwierige Situation. Wie ist es wohl, wenn Menschen ihre Heimat verlassen und in die Fremde müssen und dann zurückkehren? Alles ist fremd geworden. Die einstige Heimat hat sich verändert und die Erwartungen sind enttäuscht. Da fordert der Prophet Haggai die Menschen auf, den Tempel G*ttes1 wiederaufzubauen. Er kritisiert, dass die Sorge um das Lebensnotwendigste unzureichend und unbefriedigend bleibt, wenn der Tempel nicht wiederaufgebaut wird. Der Tempel ist nach jüdischem Verständnis der zentrale Raum, um mit G*tt in Kontakt zu sein. Es ist ein Raum für Gebet und ein Raum, der einer Gemeinschaft Identität stiftet. Der Prophet ermahnt die Menschen, dass sie sich nicht nur um sich selbst drehen sollten, sondern dass sie G*tt Raum in ihrem Leben geben.

Liebe Gemeinde,
Haggai erwartet von den Menschen, dass sie G*tt Raum in ihrem Leben, in ihrem Alltag geben. Wo hat G*tt in unserem Alltag zwischen den Terminen und Verpflichtungen und im Zusammensein mit unseren Mitmenschen Raum?

„Alles beginnt mit der Sehnsucht“, schreibt Nelly Sachs in einem Gedicht. Die Sehnsucht nach Ruhe, nach Gebeten und Liedern, nach Spiritualität und Meditation, nach einer Gemeinschaft, die trägt, und nach tiefsinnigen Gesprächen. Dann kann sich die Dankbarkeit für die Ernte, für Speis und Trank, Kleider und Lohn einstellen. Dann reicht das Wenige zum guten Leben und wir können den Alltag gelassener bewältigen.

Sich auf G*tt auszurichten scheint in unserer turbulenten Lebenswelt in der Großstadt nicht immer so einfach. Vielleicht haben Sie Lust, es einzuüben und nach dem Aufstehen und vor dem Einschlafen einen Moment innezuhalten und tief einzuatmen, den Lebensodem zu spüren und G*tt mit den Worten Bonhoeffers zu danken: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. G*tt ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Mit herzlichen Grüßen,
Patricia Sorgenfrei

1 Diese Schreibweise des G*ttesnamens ist vom Gender-Stern aus der Queer-Theorie inspiriert und soll zeigen, dass G*tt nicht durch menschliche Vorstellungen von Raum, Zeit und Geschlecht begrenzt ist.